01.08.2017 Zum Themendossier: Zahnmedizin

BEEINDRUCKEN SIE IHREN CHEF!

Implantate - die wichtigsten Fakten auf einen Blick

© Sven Bähren / fotolia.com

Petra Keßler, freie Journalistin und Zahnärztin, Kiel

Über 100 verschiedene Implantat-Systeme sind in deutschen Praxen und Mündern derzeit im Einsatz. Alle zu kennen ist zwar theoretisch schön, aber praktisch weder notwendig noch umsetzbar - außer man gibt Hobbies, Freunde und Privatleben auf. Tatsächlich macht es viel mehr Sinn, sich auf die wichtigsten Fakten zu konzentrieren, die allen Implantaten für eine lange Lebenserwartung und ein hochästhetisches Aussehen gemeinsam sind. Wer hier auf dem neuesten Stand ist und Zusammenhänge versteht, kann nicht nur im Patientengespräch mit Wissen punkten, sondern vielleicht sogar auch noch den eigenen Chef positiv überraschen!

Wir haben dafür einen engagierten Implanteur nach seiner fachlichen Meinung gefragt: Zahnarzt Lars Ahlskog (40) hat sein Staatsexamen mit 1,0 gemacht, war zudem Bester seines Studienjahrgangs und erhielt 2013 den Peers-Förderpreis für junge, wissenschaftlich arbeitende Zahnärzte. Kompetenz mit Tradition: Sein Vater hat bereits 1991 sein erstes Implantat gesetzt, das seit nunmehr 24 Jahren einwandfrei im Mund seines Besitzers seinen Dienst tut. Wie schafft man das?

Denn je nach Studienlage weisen 8-50% der Implantate nach zehn Jahren eine Periimplantitis auf. Bei diesem Todfeind eines jeden Implantates kommt es - ähnlich wie bei der Parodontitis beim natürlichen Zahn - zu einer gleichzeitigen Entzündung des angrenzenden Zahnfleischsaums und Knochens mit fortschreitendem Knochenabbau. Inklusive Blutungen, Eiter und Mundgeruch. Wird die Periimplantitis nicht erfolgreich behandelt, muss das Implantat entfernt werden. Zurück bleibt meist nicht nur ein großer Knochendefekt, sondern auch ein unzufriedener Patient.

Herr Ahlskog, was ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass ein Implantat eine möglichst lange und ästhetisch ansprechende Lebenserwartung hat?

"Das wichtigste Gebot ist, dass wir nur gesundes Hartgewebe haben, wenn wir gesundes Weichgewebe haben. Dafür sind gesunde Verhältnisse in der Mundhöhle entscheidend - genauso wie eine gute Mundhygiene und eine regelmäßige Prophylaxe." Wenn also irgendwo im Mund eine unbehandelte Zahnfleischoder Knochenentzündung besteht, ist das Implantat erst recht gefährdet. Denn zum einen erreichen die verursachenden Bakterien über den alles umspülenden Speichel nicht nur die anderen Zähne, sondern auch die Implantate. Und zum anderen ist ein Implantat - anders als die natürliche Zahnwurzel - nicht durch ein natürliches, gut durchblutetes Binde- und Knochengewebe vor Infektionen geschützt. Tatsächlich sitzt es in deutlich schlechter durchblutetem Narbengewebe, wo die Fasern nicht wie beim Zahn auf die Wurzel zulaufen und in sie einstrahlen, sondern um den Implantatkörper herum parallel angeordnet liegen. Und wo das Blut keine Immunabwehrzellen hin transportieren kann, treffen krankmachende Bakterien auf wesentlich weniger körpereigenen Widerstand und können dadurch viel schneller einen viel größeren Schaden anrichten. Wie bei der Periimplantitis.

Worauf gilt es, beim Zahnersatz zu achten?

"Die Suprakonstruktion des Implantats muss so gestaltet sein, dass eine adäquate Mundhygiene möglich ist. Wo nichts verblockt werden muss, muss auch nichts verblockt werden. Andererseits ist ein großer Interdentalraum nicht sinnvoll, sondern eher ein kleiner Zahnzwischenraum, damit er vernünftig sauber zu halten ist. Nicht große Interdentalräume sind besser zu pflegen, sondern kleinere. Die prothetische Konstruktion sollte so gestaltet sein, dass Führungsflächen für die Interdentalbürstchen entstehen. Die Kronen- bzw. Brückenform ist auch deshalb so wichtig, da bei einer korrekten anatomischen Ausführung die berechtigte Hoffnung besteht, dass sich sowohl die Papillen als auch der bukkale wie linguale Gingivasaum noch weiter regenerieren."

Was muss ich zum Thema rote Ästhetik wissen?

"Die rote Ästhetik ist eigentlich wichtiger als die weiße. Die korrekte prothetische Höhe des Approximalpunktes z.B. entscheidet darüber, ob die Zahnfleischpapille zwischen den Zähnen wiederkommt oder ob dort ein optisch störendes schwarzes Dreieck sichtbar ist. Wird der Approximalpunkt 5 mm über dem Knochenniveau angelegt, kommt die Papille zu fast 100% wieder. Liegt er 7 mm suprakrestal, kommt sie laut Studien nur noch in 27% oder weniger der Fälle zurück."

Inwieweit spielt die Einheilungsform des Implantats eine Rolle für das spätere optische Ergebnis?

"Die transgingivale Einheilung wurde in der jüngsten Gegenwart etwas stiefmütterlich behandelt. Wenn man aber schlüssig überlegt, macht dieses Vorgehen mehr Sinn: Ich muss nicht ein vielleicht mühsam gedecktes Implantat erneut chirurgisch freilegen. Sondern ich kann sofort die korrekten prothetischen Formen verwenden, an denen sich das Weichgewebe nur einmalig organisieren muss, was sich auf die Stabilität und Ästhetik des periimplantären Narbengewebes meiner Erfahrung nach nur positiv auswirkt."

Welche Bedeutung hat der Einsatz der computergestützten 3D-Planung?

"Wir werden in Zukunft nicht um die röntgenologische digitale Volumentomografie (DVT) herumkommen. Wir brauchen sie aber nicht für jede Implantatplanung. In vielen Fällen ist auch eine zweidimensionale Planung ausreichend. Mit der dreidimensionalen Positionierung der Implantate steht und fällt aber alles, sowohl die Ästhetik als auch die Funktionalität und damit die Lebenserwartung. Eine leicht palatinale Insertion des Implantats ist z.B. wichtig, da sonst erstens die Stabilität und zweitens die Ästhetik gefährdet ist. Die bukkale Knochenlamelle ist meistens deutlich dünner, sodass sie in diesem verletzlichen Zustand meistens nicht auf dem Implantat existieren kann und mit Sicherheit wegschmilzt. Und wo das Hartgewebe sich zurückzieht, verschwindet auch das Weichgewebe."

Welcher Mindestabstand zum nächsten Zahn oder einem angrenzenden Implantat sollte eingehalten werden?

"Der Abstand zwischen zwei Implantaten muss tendenziell größer gewählt werden als zwischen zwei Zähnen. Konkret heißt das: 1,5 mm interdental und 2-3 mm interimplantär. Bei Patienten mit größerem Periimplantitisrisiko - z.B. auf Grund einer schon bestehenden Parodontitis - ist ein größerer Abstand empfehlenswert. Für eine erfolgreiche individuelle Risikoabschätzung braucht es viel klinische Erfahrung."

Sind längere Implantate auf Grund der längeren Kontaktfläche im Knochen stabiler und damit haltbarer als kurze?

"Es besteht ein Trend zu immer kürzeren Implantaten. Heutige 8 und 9 mm lange Implantate funktionieren in den meisten Fällen mindestens gleichwertig wie 12 und 14 mm lange, wie sie früher gerne Verwendung fanden. Sie garantieren einen größeren Sicherheitsabstand zu wichtigen anatomischen Strukturen wie z.B. dem Unterkiefernerv. Unnötig lange Implantate vergrößern die Gefahr, ihn zu verletzen. Gerade auch bei einer Explantation, also wenn das Implantat z.B. nach einigen Jahren auf Grund einer Periimplantitis wieder entfernt werden muss."

Was sollte man zum Thema Augmentation wissen?

"Je länger ich tätig bin, desto weniger gerne setze ich Knochenersatzmaterialien ein. Aber oftmals geht es nicht anders. Bei großen Defekten ist es ein großer Segen für die Patienten, dass es sie gibt. Mir dienen sie zumeist als Resorptionsschutz, wenn ich sowohl mit natürlichem Knochen als auch Ersatzmaterialien gleichzeitig das Implantatbett wieder aufbaue. Die Knochenersatzmaterialien funktionieren quasi wie eine Schutzschicht, die über den eigenen Knochen gelegt wird. Wir machen sehr viel einzeitig - also Implantation und Augmentation zusammen. In vielen Fällen bringt es vergleichbare oder bessere Ergebnisse zum zweizeitigen Vorgehen, die Belastung durch den einmaligen Eingriff ist deutlich geringer, und der Umfang der Augmentation kann durch das einzeitige Vorgehen auch oft geringer gehalten werden. Zudem ist zweizeitig für viele Patienten keine Option, sie wollen es einfach nicht."

Welche Rolle spielt der Einsatz von Keramikimplantaten in der täglichen Praxis?

"Zirkondioxid wird vom Weichgewebe geliebt. Aber ob es vom Knochen vergleichbar geliebt wird, bedarf noch weiterer Klärung. Ich kann mir vorstellen, dass der Einsatz eines Keramikimplantates z.B. bei einer hohen Lachlinie sinnvoll sein kann, um ein gräuliches Durchschimmern des Implantatkörpers zu vermeiden. Mir ist bis jetzt aber noch keine Situation untergekommen, wo ich den Einsatz als erforderlich erachtet hätte."

Vollnarkose oder örtliche Betäubung - zu welcher Art der Schmerzausschaltung rät er als Fachmann?

"Die Vollnarkose ist ein Zustand kurz vor dem Exitus letalis (Tod) und sollte nicht unnötig eingeleitet werden, wie mein Pharmakologieprofessor immer gesagt hat. Insofern gebe ich ganz klar der örtlichen Betäubung den Vorzug. Es gibt sicherlich auch Indikationen für die Vollnarkose, aber sie sollte nicht routinemäßig und schon gar nicht leichtfertig eingesetzt werden."

Wie wichtig ist die Gabe eines Antibiotikums vor Implantat-Operationen zum Schutz vor bakteriellen Infektionen und dem damit verbundenen möglichen Verlust des Implantats?

"Eine Antibiotika-Prophylaxe ist sinnvoll. Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass dadurch noch weniger Implantate bei Einheilung verloren gehen. Die einmalige Gabe von 2 Gramm Amoxicillin bzw. - im Fall einer Penicillin-Allergie - von 600 Milligramm Clindamycin eine Stunde vor dem Eingriff erhöht somit die Erfolgswahrscheinlichkeit. Ich habe mit dieser Herangehensweise auf jeden Fall nur beste Erfahrungen gemacht."

Was gilt es bei der Anfertigung von Suprakonstruktionen aus Vollkeramik zu beachten?

"Um ein gräuliches Durchschimmern des Abutments, also des Verbindungselements zwischen Implantatkörper und Keramikkrone, zu verhindern, sollten statt titanfarbiger (grauer) Pfeiler titan-nitritt-beschichtete (goldene) standardmäßig verwendet werden. In ästhetisch anspruchsvollen Fällen bieten sich auch hochästhetische Zirkondioxid-Abutments (weiß) an. Für den Ersatz von Einzelzähnen empfiehlt sich Lithium-Disilikat-Keramik für den Frontzahnbereich genauso wie für den Seitenzahnbereich. Die Vorteile sind die Sicherheit vor Absplitterungen (Chipping) und die hervorragende, natürlich wirkende Ästhetik."

Dieses Interview wurde geführt mit:

Lars Ahlskog, Zahnarzt und Implantatexperte

www.ahlskog-tuttlingen.de

good to know

Gesundes Weichgewebe ist die Grundvoraussetzung für begeisternden, tatsächlich unsichtbaren Zahnersatz auf Implantaten. Denn über die optische Wirkung einer künstlichen Zahnkrone entscheiden zwei Faktoren: Zum einen spricht man von der 'Weißen Ästhetik', also der Farb- und Formgebung der künstlichen Zahnkrone. Zum anderen von der 'Roten Ästhetik' dem Aussehen und Verlauf des Zahnfleischsaums, also des Gingivarandes.

good to know

Implantate können auf zweierlei Arten nach der Operation einheilen: gedeckt - also geschützt unter einem durch Nähte fixierten Gingivalappen. Oder offen bzw. transgingival - dabei wird in den Implantatkörper sofort nach dem Einbringen in den Knochen ein Gingivaformer eingesetzt, der durch die Schleimhaut in die Mundhöhle ragt.


Artikel teilen

Kommentare (0)

Kommentar schreiben

Die Meinung und Diskussion unserer Nutzer ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie im Sinne einer angenehmen Kommunikation auf unsere Netiquette und Nutzungsbedingungen. Vielen Dank!

* Pflichtfeld

Springer Medizin

SpringerZahnmedizin.de ist das Fortbildungsportal für Zahnmediziner von Springer Medizin. Mit einer umfangreichen Auswahl an zahn- und humanmedizinischen Fachzeitschriften und CME-Fortbildungen sowie englischsprachigen Dental Journals, bietet SpringerZahnmedizin.de dem Zahnarzt breitgefächerte und interdisziplinäre Unterstützung für seine tägliche Arbeit.

www.SpringerZahnmedizin.de

Newsletter

Mit unserem Newsletter erhalten Sie kostenlos jeden Monat Fachinformationen frei Haus.