19.07.2017 Zum Themendossier: Zahnmedizin

BLITZE IM MUND

Dentine Hypersensibilität

© Carlos Yidica / stock.adobe.com

Prof. Dr. Katrin Bekes, MME, Direktorin des Fachbereichs Kinderzahnheilkunde, Medizinische Universität Wien

Die Auslöser können ein harmloses Eis, der Genuss kalter bzw. heißer Getränke oder gar ein kühler Luftzug sein. Ein blitzartiger Schmerz zuckt durch den Kiefer, meist gefolgt vom ruckartigen Wegdrehen des Kopfs. Der Grund: schmerzempfindliche, überempfindliche Zahnhälse. Ein nicht unerheblicher Teil unserer Patienten berichtet von eben diesen Situationen und sucht deshalb die Praxis auf. Der vorliegende Beitrag soll einen Einblick in die Ursachen, die klinischen Symptome und die Therapieoptionen geben.

Definition und Prävalenz

Das Beschwerdebild der überempfindlichen Zahnhälse - Synonyme: (zervikale) Dentinhypersensibilität oder dentine Hypersensitivität - hat in der Zahnheilkunde in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, da es in der erwachsenen Bevölkerung ein zunehmendes Problem darstellt, mit dem der Zahnarzt in der Praxis konfrontiert wird.

Die Dentinhypersensibilität ist charakterisiert durch kurze, starke Schmerzsensationen, die durch bestimmte Stimuli ausgelöst werden. Solche Stimuli können sein: Berührung (taktile Stimulation), Hitze oder Kälte (thermale Stimulation), Kontakt mit osmotisch aktiven Lösungen (z. B. konzentrierte Zuckerlösungen) oder das Verdampfen von Flüssigkeit auf Dentin. Demnach klagen die Patienten über Schmerzen beim Genuss heißer oder kalter Speisen und Getränke (Kaffee, Speiseeis, ...), beim Zähneputzen und manchmal sogar beim Atmen. Meist klingen sie nach erfolgter Reizeinwirkung schnell und vollständig ab. Die betroffenen Patienten äußern unterschiedliche Beschwerden, die von leichten Missempfindungen bis zu massiven Schmerzzuständen reichen und stark von der individuellen Schmerzempfindung bzw. -toleranz sowie emotionalen und physischen Faktoren abhängen.

Die Prävalenz in der Erwachsenenpopulation reicht von 4 bis hin zu 57 %. Jedoch finden sich in der Literatur auch Extremwerte, so etwa eine Häufigkeit bis 98 % bei parodontal geschädigten Patienten. In einem deutschlandweiten Survey aus dem Jahr 2001 gaben 39 % der Befragten an, dass sie im vergangenen Monat unter schmerzempfindlichen Zähnen gelitten hätten.

Die Dentinhypersensibilität tritt vorwiegend zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr auf, wobei ein Maximum in der Altersklasse der 30- bis 40-Jährigen zu verzeichnen ist. Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer.

Ätiologie

Die Ursachen für das Auftreten einer Dentinhypersensibilität sind multikausal. Die Schmerzen werden an freiliegendem Dentin ausgelöst (Abb. 1), das nicht durch Schmelz, Wurzelzement oder Gingiva abgedeckt ist oder nicht durch eine Restauration vor äußeren Reizen geschützt wird. Ursachen für den Schmelzverlust können Erosionen, Attritionen, Abrasionen oder Kombinationsformen sein. Dabei wird speziell im Zahnhalsbereich das Vorkommen freiliegenden Dentins besonders begünstigt: Die Schmelzschichtdicke ist im Zervikalbereich sehr dünn, der weichere Wurzelzement ist abrasionsanfällig, und häufig fehlt im Bereich des Zahnhalses bereits bei der Zahnentwicklung eine Hartsubstanzabdeckung. Darüber hinaus kann die Freilegung der Wurzeloberfläche (Gingivarezession) durch eine inadäquate Mundhygiene (Abb. 2), abrasive Zahnpasten, akute oder chronische parodontale Erkrankungen, Parodontalbehandlungen (Scaling etc.) und ein chronisches Trauma aufgrund bestimmter Gewohnheiten begünstigt werden.

Dentin ist aufgrund seiner Anatomie und Physiologie sehr sensitiv. Es ist von Tubuli mit einem Durchmesser von 1 bis 2 µm durchzogen, die sich von der Pulpa-Dentin-Grenze bis zur Pulpa erstrecken (Abb. 3 und 4). Die Dentintubuli enthalten Odontoblastenfortsätze, die teilweise bis ins Manteldentin der Schmelz-Dentin-Grenze reichen. Zusätzlich befindet sich in den Kanälchen Dentinflüssigkeit (sog. Dentinliquor).

Das Auftreten einer Dentinhypersensibilität lässt sich mit der hydrodynamischen Theorie erklären. Durch die Exposition von Dentin bzw. Dentintubuli kommt es zu einer hydraulischen Verbindung zwischen Pulpa und Zahnoberfläche. Wenn nun thermische, chemische oder taktile Reize zu einem Flüssigkeitsstrom führen, werden die Schmerzrezeptoren der Pulpa stimuliert. Dementsprechend sind an hypersensitiven Zähnen deutlich (8-fach) mehr und weiter geöffnete Dentintubuli zu erkennen als im nichtsensitiven Dentin.

Therapieoptionen

Vor der Umsetzung spezifischer Behandlungsmaßnahmen sollte zunächst die Diagnose Dentinhypersensibilität zahnärztlich bestätigt werden. Anschließend müssen die potenziellen prädisponierenden und ätiologischen Faktoren betrachtet und ausgewertet werden. Für die Symptome der Dentinexposition, der gingivalen Rezession und der Erosion sind neben dem natürlichen Alterungsprozess vor allem das Putzverhalten, der Genuss saurer Getränke und Nahrungsmittel sowie gastrointestinale Refluxerkrankungen verantwortlich.

In einem ersten Beratungsgespräch ist es wichtig, den Patienten über die Ursachen aufzuklären und ihn für den ersten Therapieschritt, der die häusliche Mundhygiene betrifft, zu instruieren und zu motivieren. Der Betroffene sollte über die richtige Zahnputztechnik, desensibilisierende Zahnpasten und Mundspüllösungen informiert werden. Durch die Verwendung nicht- oder nur geringfügig abrasiver Zahnpasten in Kombination mit einer weicheren Zahnbürste kann Putzdefekten und somit dem weiteren Verlust von Zahnhartsubstanz vorgebeugt werden. Durch das Erlernen einer adäquaten Putztechnik kann der Rückgang der marginalen Gingiva, der ebenfalls zu exponierten Dentinoberflächen führt, aufgehalten werden.

Weiterhin sollte dem Patienten dargelegt werden, welche speziellen Ess- und Trinkgewohnheiten die Überempfindlichkeit auslösen oder verstärken können. Hier ist besonders auf die Vermeidung eines exzessiven Konsums von säurehaltigen Nahrungsmitteln zu achten.

Bei Weiterbestehen des Beschwerdebilds kann darüber hinaus auf nichtinvasive Maßnahmen in der Praxis zurückgegriffen werden. Hierzu gehören Lacke, Lösungen und Gele, die alle dazu dienen, die Schmerzentstehung zu unterbinden. Zur Wahl stehen Fluoridpräparate, Präparate auf Methacrylatbasis, ionische Verbindungen, Lasertherapie und die Pro-Argin™-Technologie. Vorteil der professionellen Versiegelung ist in der Regel eine sofortige Schmerzlinderung, die Prozedur ist jedoch deutlich kostenintensiver.

Prinzipiell liegen den häuslichen Präventivmaßnahmen und den nichtinvasiven Maßnahmen in der zahnärztlichen Praxis folgende Wirkmechanismen zugrunde: die Desensibilisierung der Nerven, die Okklusion der eröffneten Dentintubuli oder eine Kombination aus beidem. Der mechanische Verschluss der offenen Tubuli ist dabei der häufigste Mechanismus der auf dem Markt befindlichen Agenzien. Eine partielle Blockade der Lumina verringert die Verschiebung des Dentinliquors und gemäß der hydrodynamischen Theorie somit die Schmerzsensation mit exponentieller Wirkung. Fluoride wirken beispielsweise auf diese Art. Durch die Präzipitation von Kalziumfluoridkristallen verschließen sie die Kanälchen und haben eine desensibilisierende Wirkung. Das Biomolekül Arginin ahmt in Kombination mit Kalziumcarbonat und Phosphat einen eher natürlichen Verschluss der Dentintubuli nach. Hier bindet die positiv geladene, semiessenzielle Aminosäure Arginin an das negativ geladene Dentin. Kalzium und Phosphat lagern sich daraufhin auf den Tubuli und in ihnen ab und blockieren die Bewegung des Liquors.

Abschließend sei angemerkt, dass bei ausbleibendem Erfolg nichtinvasiver Maßnahmen und bei Vorliegen ausgeprägter Defekte eventuell auch wiederherstellende Maßnahmen des Hartund/oder Weichgewebes notwendig werden können.

Fazit

Die Dentinhypersensibilität sollte nach ausführlicher Diagnostik mit Erhebung einer dezidierten Anamnese (allgemeinmedizinisch, Mundhygiene- und Ernährungsgewohnheiten) so wenig invasiv wie möglich therapiert werden. Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist die Eliminierung prädisponierender Faktoren. Entsprechend der Schwere der Beeinträchtigung sowie dem klinischen Befund sollte über den notwendigen Umfang der Behandlung entschieden werden. Hier steht die generalisierte und lokale Anwendung desensibilisierender Wirkstoffe im Vordergrund.

CHECKLISTE

Mögliche Ursachen für freiliegende Dentinoberflächen

  • Karies
  • Nicht-kariogene Zahnhartsubstanzverluste
  • Abrasionen
  • Erosionen
  • Keilförmige Defekte
  • Parodontaler Attachmentverlust
  • Falsche Mundhygienetechnik
  • Parodontale Grunderkrankungen
  • Nach durchgeführter Parodontaltherapie
  • Bisweilen infolge von kieferorthopädischen Maßnahme
  • Infolge prosthetischer Maßnahmen
  • Freiliegende Wurzeloberflächen

Weitere Ursachen schmerzempfindlicher Zähne

  • Fehlstellungen der Zähne
  • Ein tief angesetztes Lippenbändchen
  • Undichte Zahnkronen oder Zahnfüllungen
  • Überempfindliche Zähne nach Bleichbehandlungen
  • Nächtliches Zähneknirschen oder -pressen (Bruxismus)
  • Komplikationen nach Wurzelbehandlungen
  • Grippale Infekte begünstigen Zahnüberempfindlichkeiten

Quellen: www.zahn-zahnarzt-berlin.de; www.pnc-aktuell.de

Literatur beim Verlag (wir-in-der-praxis@springer.com)


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