19.07.2017 Zum Themendossier: Kinder in der Praxis

WENN KINDERZÄHNE EINFACH WEGBRÖSELN

Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation richtig erkennen und behandeln

© Ugurhan Betin / iStock

Petra Keßler, Freie Journalistin und Zahnärztin, Kiel

Eine geheimnisvolle Zahnkrankheit bedroht die bleibenden Sechser und Einser unserer Kinder. Sie produziert dreckig-braune, hoch schmerzempfindliche Backenzähne, die beim ganz normalen Kauen einfach wegbröckeln. Wie geht man als Zahnarztteam am besten mit diesen Zahnruinen um?

Über die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) ist überraschend wenig bekannt. Deutsche und internationale Forscher können nicht sagen, ob es sie früher schon gab oder ob sie eine Erscheinung der Neuzeit ist. Und was tatsächlich die Ursache für die Strukturstörung des Schmelzes ist. Der Kunststoffweichmacher Bisphenol A (z. B. in Schnullern), ein Vitamin-D-Mangel oder fiebrige Infekte mit Antibiotikabehandlung im ersten Lebensjahr. Fakt ist nur, dass die Fallrate in den nördlichen Industrieländern immer mehr zunimmt.

Eigentlich sollen die Sechsjahrmolaren ein Leben lang halten. Aber der gesamte Schmelz dieser Zähne ist zum Teil so marode, dass keine Füllung hält. Und eine Überkronung bei einem noch im Durchbruch befindlichen Molaren bei einem Kind, das gerade eingeschult worden ist? Wir haben den Kinderzahnarzt Dr. Guido Nitzsche aus Dresden nach seiner Empfehlung gefragt. Er hat sich in seinen beiden Praxen auf die Behandlung von Kindern mit angeborenen und erworbenen Zahnfehlbildungen spezialisiert. Die MIH liegt ihm besonders am Herzen.

Wir in der Praxis: Dr. Nitzsche, warum ist Ihnen das Thema wichtig?

Dr. Guido Nitzsche: Viele Kollegen verwechseln den Befund mit Karies. Dadurch gibt es nicht selten Kinder, die zwei, drei Zahnärzte aufgesucht haben, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Die Zähne sind manchmal wirklich extrem schmerzempfindlich. Schon das Einatmen von Luft reicht aus. Stellen Sie sich vor: ein Kind, sechseinhalb Jahre, vier solche Zähne, die total zerbröselt sind, keinerlei Chance, sie irgendwie ordentlich hinzubekommen. Die Sechser sind zudem soweit in der Ecke, von Speichel umgeben, Trockenlegung nicht möglich und dann vier Zähne - da ist kein Licht am Ende des Tunnels für das Kind. Wenn man an einen solchen Zahn unbedacht herangeht und versucht, ihn aufzubohren, macht man ziemlich viel kaputt bei den Kindern. Ich habe zwar als Kinderzahnarzt noch die Möglichkeit zu sagen: "Wir machen das jetzt in Narkose." Aber danach habe ich immer noch ein verstörtes Kind, auch wenn ich es erstmal hinbekommen habe. Das ist das Hauptproblem. Man kann aus Unwissenheit relativ schnell relativ viel kaputt machen.

WidP: Wie gehe ich mit betroffenen Zähnen am besten um?

Nitzsche: Der Schweregrad der Erkrankung wird in drei Stufen eingeteilt: Grad I sind nur farbliche Veränderungen ohne Beeinflussung der Oberflächenstruktur. Diese Zähne muss ich lediglich beobachten und viel fluoridieren. Ich kann den Zahn ganz normal versiegeln. Bei Grad II liegen nur leichte Oberflächendefekte vor. Die betroffenen Zähne kann ich zunächst vollständig durchbrechen lassen und dann auch ohne großen Aufwand versorgen. Meist reicht eine kleine, einfache Füllungstherapie mit Komposit aus, um den Zahn dauerhaft zu stabilisieren. Auch hier gibt es eigentlich keine Compliance-Schwierigkeiten mit den Kindern. Grad III sind die Zähne, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Die Zähne brechen bereits mit einer bräunlich-bernsteinfarbenen Oberfläche durch. Wenn man die Kaufläche sondiert, ist sie im Gegensatz zur Karies völlig hart und nicht weich. Nach dem Durchbruch weisen die Zähne aufgrund der Belastung durch den Kaudruck ziemlich schnell Absplitterungen auf.

WidP: Welche Vorgehensweise empfiehlt sich bei Grad-III-Zähnen?

Nitzsche: Bei einem Grad-III-Befund muss ich mir zunächst vergegenwärtigen: Wie viele Zähne sind überhaupt betroffen? Sind es beispielsweise alle Sechser und zusätzlich noch die Frontzähne? Oder ist lediglich ein Zahn involviert? Auch bei schweren Befunden versuchen wir, alle Zähne, die infrage kommen, durchbrechen zu lassen. Die Zahnkrone der Sechser kommt ja erst im Laufe von eineinhalb Jahren vollständig zum Vorschein. Während der Durchbruchphase ist es wichtig, die Schmerzempfindlichkeit zu reduzieren. Ohne Plaque sind die Grad-III-Zähne am wenigsten schmerzempfindlich. Aber genau das schaffen die Kinder oft nicht, weil die Molaren eine raue Oberfläche haben, ganz hinten sind und das Putzen dort richtig wehtut. Dann helfen lauwarmes Wasser, eine weiche Zahnbürste und viel Zeit, auch wenn es ziept und zwickt. Das sind die Tipps, die wir den Eltern geben. Zudem helfen wir mit Fluoridlacken wie Duraphat® und führen manchmal auch schon eine Versieglung durch, um den Zahn erfolgreich durch die Durchbruchphase zu bringen.

WidP: Verwenden Sie auch ein Chlorhexidin-Präparat zur Unterdrückung der Plaqueansammlung?

Nitzsche: Nein, obwohl es natürlich schön dort hinten wäre. Aber es ist zu nah am Rachen - Kinder, die das schlucken, spucken richtig. Es sind ja sechs- oder siebenjährige Kinder. Wenn es einmal richtig doof schmeckt, hat man bei ihnen teilweise schon verspielt.

WidP: Für die erfolgreiche Behandlung eines Molaren mit MIH Grad III ist es also wichtig, einen Durchbruchgrad zu erreichen, in dem bereits genügend Zahnkrone vorhanden ist, um eine Füllung im gesunden Schmelz verankern zu können, bevor Kaudruck und Karies den Zahn weiter zerstören. Schafft man das immer?

Nitzsche: Meistens, aber nicht immer. Manchmal gehen die unmineralisierten Anteile des Schmelzes soweit nach apikal und subgingival, dass ich stoppen muss, da ich nicht mehr kontrollieren kann, dass die Füllung überhaupt klebt. Dann weiß ich, dass die Stelle noch nicht perfekt ist, aber ich weiß auch, dass noch mehr Schmelz herauskommen wird und dass ich dann - in der Hoffnung, dass dort die Substanz besser ist - nochmals ansetzen und nachbessern kann. Wir kontrollieren das mindestens halbjährlich, bis der Zahn so weit herausgewachsen ist, dass wir an der Stelle noch einmal nachlegen können.

WidP: Wie behandle ich einen Sechser, dessen Schmelzdefekte so ausgeprägt sind, dass eine Füllungstherapie nicht mehr möglich ist?

Nitzsche: Ziel ist es ja, den Zahn erst einmal dorthin zu bringen, dass ich entscheiden kann: Will ich ihn auf Dauer erhalten oder habe ich beispielsweise Weisheitszähne, die ich jetzt mit sechs Jahren im Röntgenbild noch nicht sehe, aber mit zehn. Wenn ich feststelle, ich habe Weisheitszähne, dann kann ich einen Grad-III-Zahn getrost entfernen, denn der Kieferorthopäde rückt alles nach. Das klappt in der Regel ganz gut. In solchen Fällen versorgen wir Sechser mit konfektionierten Stahl- oder Keramikkronen. Die Stahlkrone bringt den Zahn die paar Jahre über die Runden, bis eine Entscheidung möglich ist. Sie hält tatsächlich erstaunlich lange.

WidP: Wie betäube ich einen hyperempfindlichen Grad-III-Sechser erfolgreich?

Nitzsche: Kinder, die wir ohne Narkose behandeln, bekommen vorher ein Schmerzmittel. Die Eltern geben mindestens eine halbe Stunde vor der Behandlung zu Hause Paracetamol oder Ibuprofen, entweder als Tablette oder als Saft, sodass schon eine leichte Schmerzausschaltung gewährleistet ist. Dann betäuben wir den Zahn ausreichend. Im Unterkiefer brauche ich zwingend eine Leitung. Sowohl für die Infiltration als auch für die Leitung bin ich nicht zu sparsam mit dem Anästhetikum und nehme etwa 1,5 ml Ultracain® forte. Dann kann man eigentlich darauf vertrauen, dass der Zahn wirklich taub ist.

WidP: Wie sieht die Versorgung bei den Frontzähnen mit MIH aus?

Nitzsche: Die Frontzähne sind meist nicht so stark betroffen. Sie sind auch nicht so problematisch, weil der Kaudruck hier deutlich geringer ist. Der Schmelz bröselt nicht so ab. Dadurch haben wir viel mehr Zeit, weil es mehr ein ästhetisches als ein funktionelles Problem ist. Mit sechseinhalb Jahren sind die Frontzähne zwar meist schon durchgebrochen. Aber auch hier gibt es dann immer noch einen Rest Längenwachstum. Erst wenn alle vier Frontzähne in einem Kiefer und dann auch alle in der entsprechenden Länge da sind, kann der Defekt farblich passend gut restauriert werden. Das ist meist erst ab acht Jahren der Fall. Ich persönlich habe aber den Eindruck, dass die Zähne sich durch die sekundäre Schmelzreife noch verändern, sodass die Flecken in der Front mit der Zeit ein bisschen verblassen. Das warte ich gern ab. Ich sage dem Kind deshalb: "Komm wieder, wenn es dich ästhetisch stört." Das ist dann meist mit Beginn der Pubertät der Fall.

Interviewpartner

Kinderzahnarzt Dr. Guido Nitzsche
nitzsche@kinderzahnheilkunde-dresden.de
www.kinderzahnheilkunde-dresden.de


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