Online-Portal macht Arztbefunde für Laien verständlich

Den meisten Patienten sind medizinische Fachbegriffe ein Rätsel. Eine Internet-Plattform will Abhilfe schaffen und übersetzt sie in allgemein verständliche Sprache.

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Physiologische Lordose der HWS, vesikuläres AG, Sono Abdomen o.p.B.: Für Laien scheint die Fachsprache der Mediziner häufig bedrohlich – welcher Patient kann schon wissen, dass einem bei den drei genannten Beispielen gar nichts fehlt? Medizinische Fachsprache begegnet Patienten im Befund oder Entlassbrief des Krankenhauses, auf einem Rezept oder beim Gespräch mit der Ärztin. Beatrice Brülke hilft Patienten, medizinische Fachsprache zu verstehen. Sie ist für die Online-Plattform „Was hab‘ ich“ tätig, auf der Mediziner ehrenamtlich Befunde übersetzen.

Problem: Briefe nicht für Patienten gedacht

Patienten können dort ihre Befunde einreichen und bekommen diese in allgemeinverständliche Sprache übersetzt. Das kann je nach Befund einige Stunden dauern und ist kostenfrei. Mit rund 48.000 Untersuchungsergebnissen hat sich das Team um Beatrice Brülke in den vergangenen zehn Jahren befasst. Brülke kennt den Grund für die meist wenig patientenfreundliche Sprache in den Schriftsätzen der Mediziner: „Der Befund oder der Entlassungsbrief sind eigentlich nicht für den Patienten, sondern für den weiterbehandelnden Arzt gedacht. Deshalb finden sich dort so viele Abkürzungen und Fachausdrücke.“ Weil man aber sonst kaum schriftliche Dokumente beim Arzt bekommt, möchten viele Patienten den Befund gerne lesen – und verstehen.

Denn manchmal sei der Patient so aufgeregt, dass er dem Arzt beim Termin nicht richtig folgen könne, sagt Ralf Suhr, Arzt und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Gesundheitswissen. „Studien zur Arzt-Patienten-Kommunikation zeigen, dass bis zu 80 Prozent der Informationen, die der Arzt an den Patienten weitergibt, wieder vergessen werden“, so Suhr. Zumal es den Medizinern eben auch nicht immer gelinge, auf Fachsprache zu verzichten oder diese zu erklären.

Besonderer Erklärungsbedarf in der bildgebenden Diagnostik

Fachausdrücke sind für Mediziner unverzichtbar. „Das Vokabular, auf das Mediziner zurückgreifen, ist sehr umfangreich“, sagt Suhr. Das liege an der Vielzahl unterschiedlicher Krankheiten und Diagnosen, die durch Alltagssprache nicht immer präzise zu beschreiben sind. Die Fachsprache indes ist eindeutig – das ist vor allem dann wichtig, wenn Ärzten unterschiedlicher Disziplinen in die Behandlung involviert sind. Die Fachsprache ermögliche es, komplexe Sachverhalte kurz und knapp darzustellen. So sei es nicht unüblich, dass der Befund einer Kernspintomographie der Schulter locker auf eine Seite passe – inklusive Briefkopf und Fußzeile, sagt Beatrice Brülke.

Die Übersetzung dieses Befundes könne hingegen gut und gerne vier Seiten umfassen – obwohl weder Interpretationen noch Behandlungsempfehlungen darin zu finden seien. Der Befund werde nicht Wort für Wort übersetzt, sondern es würden Zusammenhänge verdeutlicht – etwa, indem die Funktion und der Aufbau der Schulter sowie die Technik der Kernspintomographie näher erklärt würden. Es gehe um voraussetzungsfreies Beschreiben.

Im Bereich der bildgebenden Diagnostik scheint es besonders viel Erklärungsbedarf zu geben. „Uns erreichen am häufigsten Befunde aus der Radiologie vom MRT oder CT“, sagt Brülke. „Die sind für die meisten Menschen komplett unverständlich.“

Unter den anderen Professionen sei der Erklärungsbedarf recht ausgeglichen. „Das geht wirklich Querbeet, aus jedem Fachgebiet kommt quasi täglich etwas an.“ Die einzige Ausnahme mache der Fachbereich Psychologie, so Brülke. Dort seien die Befunde ganz anders und auch die Gespräche intensiver.

Patient muss dem Arzt vertrauen

„Über den Erfolg einer Behandlung entscheidet auch die Beziehung zwischen Arzt und Patient“, sagt Ralf Suhr von der Stiftung Gesundheitswissen. Denn ein Patient, der seinem Arzt vertraue und die Behandlung verstehe, habe bessere Aussichten, wieder gesund zu werden. Das liege zum einen daran, dass Patienten weniger Fehler machen. Zum Beispiel bei der Einnahme von Medikamenten, wenn es keine Missverständnisse bei der Dosierungsempfehlung gibt. Zum anderen fördert Verständnis die Therapietreue: Sie gilt als ein Schlüssel zum Behandlungserfolg. Wer verstanden hat, worum es geht, dem fällt es leichter, sich an ärztliche Empfehlungen zu halten.

Eine gute Kommunikation und Zeit seien der Schlüssel zum Erfolg. Der Arzt sollte sich die Zeit nehmen können, den Patienten Diagnosen und Behandlungen gut zu erklären, sagt Suhr. Kommunikation oder „sprechende Medizin“, sollten insgesamt mehr Raum in unserem Versorgungssystem erhalten. Patienten rät er, sich Fragen an den Arzt vorab aufzuschreiben, und sich auf jeden Fall auch zu trauen, nachzufragen. „Falsche oder peinliche Fragen gibt es beim Arztbesuch nicht.“ Man könne sich auch eine vertraute Person zur Unterstützung mitnehmen. (dpa)


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